
Künstliche Intelligenz hält zunehmend auch Einzug in die Recycling- und Entsorgungsbranche. Was lange als Zukunftstechnologie galt, wird heute in Sortier- und Aufbereitungsanlagen konkret eingesetzt. Ziel ist es, Materialströme präziser zu analysieren, Fremdstoffe frühzeitig zu erkennen und Prozesse automatisiert zu optimieren. Angesichts steigender Qualitätsanforderungen, wachsender Sicherheitsrisiken und zunehmender Stoffkomplexität gewinnen lernfähige Systeme an Bedeutung. Sie verbinden Sensorik, Datenanalyse und mechanische Separation zu integrierten Lösungen, die Effizienz und Betriebssicherheit gleichermassen erhöhen.
Steigende Anforderungen an Qualität und Sicherheit
Recycling- und Entsorgungsunternehmen stehen unter wachsendem Druck: Wertstoffe sollen möglichst rein in den Kreislauf zurückgeführt, gesetzliche Grenzwerte sicher eingehalten und Anlagen gleichzeitig wirtschaftlich betrieben werden. Hinzu kommt, dass Fehlwürfe und sicherheitsrelevante Störstoffe in gemischten Abfallströmen zunehmen. Moderne Systeme reagieren darauf mit einer sensorgestützten Sortierung, bei der beispielsweise Nahinfrarot- oder Röntgentechnologien zum Einsatz kommen. Sie analysieren Materialströme in Echtzeit, identifizieren Fremdstoffe und lösen gezielt Ausschleusungsmechanismen aus. So werden Prozesse stabiler, manuelle Nachsortierungen reduziert und die Qualität der zurückgewonnenen Fraktionen verbessert.
Auch Anbieter von Entsorgungstechnik entwickeln ihre Systeme in diese Richtung weiter: GETAG zählt zu den führenden Anbietern in der Schweiz und integriert zunehmend KI-gestützte Fremdstoffdetektion und automatisierte Ausschleusung in bestehende und neue Anlagenkonzepte.
Fremdstoffdetektion im Bioabfall
Biogene Abfälle sind eine wertvolle Ressource für Energie- und Nährstoffrückgewinnung. Voraussetzung dafür ist jedoch eine konsequente Qualitätssicherung. Kunststoffe, Glas oder Metalle beeinträchtigen nicht nur die Verarbeitung, sondern auch die Qualität von Gärprodukten und Kompost. KI-gestützte Bilderkennungssysteme ermöglichen eine präzise Analyse sowohl von Input- wie auch von Outputmaterialien. In Kombination mit Sensorik und gezielter Ausschleusung lassen sich selbst kleine Fremdstoffe zuverlässig identifizieren und separieren. Dadurch werden gesetzliche Vorgaben sicher eingehalten und die Energieausbeute in Vergärungsanlagen wird optimiert. Gleichzeitig reduziert sich der Anteil an Biomasseverlusten im Ausschleusungsprozess.
Yvan Grepper, Geschäftsführer von GETAG, sagt dazu: «In der Bioabfallverwertung entscheidet die Qualität des Inputs über den gesamten weiteren Prozess. Wenn Fremdstoffe frühzeitig und präzise entfernt werden, erhöht sich nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Energieausbeute und die Qualität des Endprodukts.»
Lithium-Ionen-Batterien als Sicherheitsrisiko
Ein weiteres zentrales Thema ist die zunehmende Zahl von Lithium-Ionen-Batterien in gemischten Abfallströmen. Unsachgemäss entsorgte Batterien stellen ein erhebliches Risiko dar, da sie Brände auslösen und grosse Sachschäden verursachen können – sei es im Sammelfahrzeug, in Umschlaghallen oder in Sortieranlagen. KI-basierte Detektionssysteme ermöglichen es, Batterien im Materialstrom zuverlässig zu identifizieren und automatisiert auszuschleusen. Dadurch werden Risiken reduziert, Anlagen geschützt und ungeplante Stillstände vermieden. Intelligente Sortiertechnik leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit und Stabilität in der Entsorgungswirtschaft. Für Yvan Grepper ist klar: «Die Sicherheit in Sortier- und Aufbereitungsanlagen wird zu einem entscheidenden Thema. Wenn KI-Systeme Batterien frühzeitig erkennen und automatisiert ausschleusen, reduziert das nicht nur Risiken, sondern stärkt die Stabilität des gesamten Betriebs.»
Intelligente Sortiertechnik im realen Anlagenbetrieb
Die beschriebenen Technologien sind längst keine theoretischen Konzepte mehr. Systeme zur KI-gestützten Fremdstoffdetektion und automatisierten Ausschleusung sind bereits im industriellen Einsatz. Ein konkretes Beispiel zeigt sich bei der SwissFarmerPower in Inwil im Kanton Luzern. Dort wurde im Rahmen der Modernisierung der Bioabfallaufbereitung eine Feinaufbereitung mit sensorbasierter Erkennung integriert. Nahinfrarot-, Laser- und Metallsensorik analysieren das Material, identifizieren Störstoffe, wie Kunststoff, Glas oder Metall, und trennen diese präzise aus dem Gärgut. Die Anlage unterschreitet die gesetzlichen Grenzwerte für Fremdstoffe deutlich und steigert gleichzeitig die Effizienz der gesamten Prozesskette.
Philip Gassner, Geschäftsführer von SwissFarmerPower, sagt: «Wir wollten eine Anlage, die nicht nur zuverlässig läuft, sondern auch langfristig hohe Qualitätsstandards sichert. Die gezielte Fremdstoffabscheidung ist dafür ein zentraler Baustein.» Die technische Umsetzung erfolgte in Zusammenarbeit mit spezialisierten Partnern aus dem Anlagenbau. GETAG war dabei für die Grob- und Feinaufbereitung verantwortlich und integrierte die neuen Komponenten in die bestehende Anlage – und das während des laufenden Betriebs. Das Projekt zeigt exemplarisch, wie KI-gestützte Systeme heute bereits in der Schweizer Entsorgungswirtschaft eingesetzt werden und welchen Beitrag sie zur Qualitätssicherung, Effizienzsteigerung und Betriebssicherheit leisten.
Praxisnahe Einblicke am Forum Entsorgungs-Technik
Wie KI-gestützte Systeme zur Fremdstofferkennung und automatisierten Ausschleusung konkret eingesetzt werden und welches Potenzial sie für Recyclingbetriebe, Entsorgungsunternehmen und Betreiber von Aufbereitungsanlagen bieten, steht im Zentrum des «Forum Entsorgungs-Technik» in Solothurn. Fachreferenten aus der Praxis zeigen anhand konkreter Anwendungen, wie KI-Systeme heute bereits eingesetzt werden – von der Qualitätskontrolle im Bioabfall über die Detektion von Batterien bis hin zu intelligenten Steuerungssystemen im Anlagenbetrieb. Ergänzt werden die Referate durch eine Podiumsdiskussion zu Chancen, Herausforderungen und zukünftigen Entwicklungen in der Kreislaufwirtschaft.
Am Mittwoch, 3. Juni 2026 findet das «Forum Entsorgungs-Technik» statt. Zum Thema «Künstliche Intelligenz in der Recyclingbranche» werden konkrete Anwendungen aus der Praxis vorgestellt und deren Nutzen sowie Herausforderungen aufgezeigt. Der kostenlose Anlass findet von 14.00 bis 17.00 Uhr im Alten Spital in Solothurn statt, mit anschliessendem Apéro. Weitere Infos.